Wilhelm Lux

Der Nationalsozialismus in Gunzenhausen - lokalgeschichtlich gesehen: 2. Teil (1934)
 
Alt-Gunzenhausen, Beiträge zur Geschichte der Stadt Gunzenhausen, Heft 44/1988, S. 119 ff

Juden die Geselligkeit verboten?
Zwei Beschlüsse faßte der Stadtrat Gunzenhausen in seiner Sitzung vom 17. Oktober 1934, aus denen die ganze Brutalität der neuen Machthaber gegen­über dem jüdischen Einwohnerschaftsteil zu erkennen war: Es handelte sich um ein Gesuch des Inhabers der seit Jahrzehnten in Gunzenhausen bestehen­den Weingroßhandlung Dottenheimer, Sigmund Dottenheimer, der um die Erlaubnis zum Weinausschank an jüdischen Feiertagen in seinem Haus bat. Dottenheimer führte in seinem Gesuch an den Stadtrat an, daß „er sehr schwer um seine Existenz zu kämpfen habe und überdies sein Vater die Genehmigung zum Weinausschank an jüdischen Feiertagen schon hatte (was auch stimmte, wie der Verfasser bei der Durchsicht alter Bände des früheren„Gunzenhäuser Anzeigeblattes" feststellen konnte); ferner könnten die Juden in hiesige Gaststätten nicht gehen". Das Plenum lehnte das Ansuchen mit folgenden Worten ab: „Der Stadtrat lehnt das Gesuch in eigener Zuständigkeit ab, weil vom Standpunkt der Öffentlichkeit aus ein Bedürfnis nicht besteht." Man kann hierzu nur argumentieren, daß aus diesen dürren Worten reine Bosheit spricht und die Absicht, den jüdischen Bevölkerungsteil weiter zu demütigen.

Wenn Dottenheimer selbst davon sprach, daß die „Juden in hiesige Gasthäuser nicht gehen könnten", also unter sich gesellig zusammenkommen wollten, konnte die Bedürfnisfrage nicht verneint werden. In gleicher Weise wurde Dottenheimers Gesuch um Erteilung der Erlaubnis zur Errichtung einer Kaffeewirtschaft in den bisherigen Büroräumen seines Unternehmens, also im eigenen Haus, abgelehnt. Obwohl Dottenheimer in seinem Gesuch darauf hingewiesen hatte, daß die beiden früheren jüdischen Gaststätten Cafe Haase (Waldmann) und Gastwirtschaft Strauß in arische Hände übergegangen (also für Juden nicht mehr betretbar) waren, leitete der Stadtrat „unter einstimmiger Verneinung der Bedürfnisfrage" das Gesuch an die Aufsichtsbehörde, das Bezirksamt, weiter, das die Erlaubnis erteilte.

Die jüdische Familie Dottenheimer gehörte zu den angesehensten der israelitischen Gemeinde und erfreute sich auch unter der nichtjüdischen Einwohnerschaft erheblichen Ansehens. Das reelle Geschäftsgebaren der gleichnamigen Weingroßhandlung war bekannt. Ein bekannter Einwohner der Stadt war auch der damalige Senior der Familie, der Privatier Heinrich Dottenheimer, kurz der „alte Dottenheimer" genannt, der in der Stadt einen großen Bekanntenkreis besaß (nicht nur in der jüdischen Gemeinde) und in vielen Häusern (auch in dem des Verfassers) oft zu einem kleinen Schwatz sich einfand. ...

Wenn Dottenheimer in seinen Gesuchen anklingen ließ, daß Juden der Besuch von Gaststätten im Stadtbereich unmöglich sei, so war dies in einem weiten Sinne zu verstehen und nicht als ob die örtliche Gastronomie plötzlich hundertprozentig antisemitisch eingestellt gewesen wäre. Es gab immer noch eine große Anzahl kleinerer Gaststätten, in denen Juden nach wie vor bedient wurden und in denen ihr Besuch auch von anderen Gästen durchaus nicht übelgenommen wurde. So zum Beispiel bei Fritz Lehnert in der Weißenburger Straße und bei Karl Kirsch in der Mariusstraße. Der Verfasser kann hier als Beispiel ein Erlebnis berichten. Es war im Frühjahr 1935, als an einem Samstagnachmittag bei Fritz Lehnert, bei dem eine Tischrunde von Stammgästen versammelt war, die beiden jüdischen Einwohner Sigmund Dottenheimer und der Großkaufmann Heinrich Neumann (Inhaber der Käse-Großhandlung Frank & Co. an der Ansbacher Straße) erschienen, grüßten und sich an einen entfernten Nebentisch setzten. Beide wurden von den anwesenden Gästen aufgefordert, sich zu ihnen zu setzen, was sie nach einigem Zögern auch taten, aber auch darauf hinwiesen, sie wollten im Hinblick auf die Zeitverhältnisse dem Wirt wie den Gästen keine Unannehmlichkeiten bereiten, man verstehe schon ...

Diese befürchteten Unannehmlichkeiten bestanden vor allem darin, daß durch solchen Gaststättenbesuch der Wirt durch fanatisierte Gäste oder solche liebedienerische Art als „Judenfreund" bei der Kreisleitung denunziert werden konnte. Nicht besuchen konnten Juden von vornherein Parteilokale wie das Gasthaus „Zum Bären" (Fritz Ehmann) oder die sogenannten „Sturmlokale" der einzelnen SA-Stürme wie zum Beispiel den Gasthof „Zur Post", in dem früher die jüdischen Einwohner vielfach verkehrten.

Ein anderes Erlebnis: In der schon genannten Gaststätte Lehnert befand sich ein einfach gekleideter Mann, der das goldene Parteiabzeichen trug - er war ein früherer Arbeitskamerad des Wirtes aus Nürnberg - und sich mit den Gästen unterhielt. Irgendwie kam das Gespräch auch auf die Juden, und hier erklärte der Altparteigenosse: „Ja, wir bekämpfen die Juden in ihrer Gesamtheit, aber doch nicht den einzelnen, weil er gerade dasitzt, da kann er doch nichts dafür, als Jude geboren zu sein ..."

Die israelitische Kultusgemeinde in Gunzenhausen

aus dem Stadtbuch  von Gunzenhausen 1982

Verfasst von Wilhelm Lux

Die älteste Nachricht über Juden in Gunzenhausen stammt aus dem Jahr 1343. Kaiser Ludwig der Bayer (1314 — 1347) sagte in diesem Jahr in einer Urkunde den Burggrafen Johann II. von Nürnberg von aller Schuld gegen die Juden los. Unter den dabei genannten Israeliten befindet sich auch ein Jude „Kewen von Guntzenhausen ll (Mon. Zoll Vi 109 und 110). In seiner „Geschichte der Juden im Fürstentum Ansbach" führt Hänle auch einen Juden Moises (Moses) von Gunzenhausen, der aber in Baldern wohnte, auf. Er soll 1344 auf eine Forderung gegenüber dem Markgrafen freiwillig verzichtet haben. Am 13. Januar 1375 wird für den Juden Heilmann von Gunzenhausen ein markgräflicher Schutzbrief ausgestellt, für den er sechs Gulden „gut von geld und swer von Gewicht/' zu entrichten hatte.

In dem von dem bekannten Heimatforscher Pfarrer D. Hermann Clauß bearbeiteten Gunzenhäuser Stadtrechnungsbuch (Alt-Gunzenhausen, Heft 6) sind verschiedene jüdische Namen erwähnt. So heißt es unterm 16. Oktober 1459: „Gilg Hefelein hat von dem Juden Senderlein heute sechseinhalb Gulden geliehen erhalten." Am 28. Dezember 1462 quittiert der Jude Schmol über die Rückzahlung einer Schuld von 50 Gulden; unterm 19. Mai 1478 ist der Jude Mose in einer Bürgschaftsangelegenheit erwähnt, am 29. Oktober 1484 der Jude Joachin, der dem blinden Thoma, Bürger von Gunzenhausen, 17 Gulden schuldet, die von einem Hauskauf herrühren. Am 28. Januar 1488 verkauft Hans Hofmaister das Haus seines Stiefvaters um 46 Gulden an den Juden Abraham.

Die genannten Geschäftsvorfälle lassen erkennen, daß bereits um die Mitte des 15. Jahrhunderts hier eine Judengemeinde bestanden haben muß. Als Hauptberufe der jüdischen Einwohner werden das Geldgeschäft und der Viehhandel angegeben. Daß diese Berufsarten dominierten, war nicht von ungefähr. Es muß zum Verständnis auf folgende Umstände hingewiesen werden: Die Juden litten in jenen Zeiten sowohl in religiöser wie gesellschaftlicher Beziehung unter vielen Beschränkungen. Sie durften keine öffentlichen Ämter bekleiden, keinen Wehrdienst ausüben und wurden nicht zur städtischen Verwaltung herangezogen. Durch den Ausschluß von den kaufmännischen Genossenschaften und den Zünften zwang man sie zum Kleinund Viehhandel und zu Geldgeschäften, die sie oft in wucherischer Prägung ausübten. Wucher war ihnen allerdings offiziell durch ihre Religion verboten, fand aber etwa vom 13. Jahrhundert ab unter Mißachtung der religiösen Vorschriften allmählich Eingang bei jüdischen Geldverleihern. Die Reichspolizeiverordnung von 1530 suchte solch aufkommende Mißstände im Interesse der Juden dadurch zu beseitigen, daß sie auch von diesen „eine ziemliche Hantierung und Handarbeit /l forderte, was aber andererseits durch die bestehenden Aussperrungen eine Unmöglichkeit darstellte. Seit Mitte des 14. Jahrhunderts war der Grundsatz zur Anwendung gekommen, daß Leben und Vermögen den Juden nur „precario" (bittweise) gehören und der Kaiser jederzeit befugt sei, es ihnen zu nehmen.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts setzten in Süddeutschland die ersten Judenvertreibungen ein. Kaiser Maximilian I. hat unterm 5. Juli 1498 den Befehl zur Ausweisung der Juden aus der Reichsstadt Nürnberg gegeben. Am 10. März 1499 mußten die Juden die Stadt verlassen. Die Reichsstadt Nördlingen wies die Juden im Jahr 1506 aus.

In der Markgrafschaft Ansbach soll erst auf Forderung der Landstände im Jahr 1539, nach anderen Quellen erst 1560, die Ausweisung der Juden verfügt worden sein. Von den blutigen Judenverfolgungen der Jahre 1298 und 1319, 1350 und 1397 blieb das Gebiet des Fürstentums jedoch verschont.

Das Salbuch der Stadt Gunzenhausen vom Jahr 1592 weist Judennamen nicht auf. In dem Bürgerbuch der Stadt erscheinen ab 1593 die ersten jüdischen Bürger, und zwar werden am 15. Juni dieses Jahres eingetragen: Isaac Jud (die Bezeichnung Jud dient zur Kenntlichmachung der Religionszugehörigkeit) und Hain Jud, beide von Bechhofen kommend. Isaac „brachte seine Frau, zwei unverheiratete Söhne, Joel und Nathan, zwei verheiratete Söhne, Oscher und Mair, seinen Tochtermann Hain, einen Schulmeister und sein Hausgesinde/' (Hänle) mit. Am 5. Oktober 1593 folgen Mayer Judt, Joel Judt; 4. Oktober 1617 Löw Judt; 28. Mai 1619 Schamair Judt, Berla Judt, Hain Jüdtin. Die Eintragungen setzen sich bis ins 19. Jahrhundert hinein fort.

Die Ausweisungsbefehle scheinen sehr lässig gehandhabt worden zu sein, obwohl Markgraf Georg Friedrich 1568, 1580 und 1583 erneute Ausweisungsmandate ergehen ließ. Trotzdem wurde 1593 der genannte Isaac in der Stadt Gunzenhausen aufgenommen. 1585 hatte die Stadt Gunzenhausen bei der markgräflichen Landschaft (Regierung) beantragt: „Alle Juden als schedliche Gotteslästerliche Leut und hochsträfliche Wucherer in diesen Länden fürter nicht zu dulten und welche sich seither hin und wider eingeschleicht, wiederum unverzüglich ausgeschafft werden Weitere Beschwerden folgten 1603 und 1608. Trotz dieser Gegnerschaft aber waren im Jahr 1609 in der Altmühlstadt neun Judenfamilien als Hausbesitzer ansässig. Sie wiesen zusammen ein Steueraufkommen von über 49 Gulden auf, für die damalige Zeit eine erhebliche Summe.

Während des Dreißigjährigen Krieges sind fast alle Juden abgewandert oder den Kriegsereignissen und den in ihrem Gefolge auftretenden Seuchen und KrankheiCen zum Opfer gefallen. Erst nach dem Westfälischen Frieden von 1648 lassen sich wieder einige Juden in Gunzenhausen nieder. So kommen 1649 „ein Hirsch Judt von Sulzberg; 1652 Marx Judt von Nördlingen und Lazar Judt von Weißenburg; 1657 Zoderrs Judt, Jacob Judtens Tochtermann; Hirsch Judt, Jacob Judtens alls hier Sohn; 1658 Marx Judt von Arelfing bei Mergentheim; 1662 Hirsch Judt der Jung, des Rabbiners Sohn". 1724 werden schon wieder 28 jüdische Familien in Gunzenhausen gezählt, 1757 ist diese Zahl bereits auf 55 angestiegen und 1808 waren 54 Familien mit 235 Personen vorhanden. Das Jahr- und Hausbuch des Archidiakon Paul zählt im Jahr 1731 insgesamt 29 jüdische Familien auf, von denen 20 das Bürgerrecht besaßen, und der Ortsbeschreibung von Johann Georg Vetter ist zu entnehmen, daß im Jahr 1731 in Gunzenhausen 16 jüdische Hausbesitzer ansässig waren. Außerdem ist eine Judenschule erwähnt.

1715 ist von einem angeblichen Ritualmord die Rede. Die Gunzenhäuser Juden erhielten ein „unschuldiges Gefängnis", das heißt, daß sie von den Behörden in Haft genommen wurden, da man sie beschuldigte, ein tot aufgefundenes Kind ermordet und das Blut zu religiösen Zwecken verwendet zu haben. Die Untersuchung ergab jedoch die völlige Unschuld der Glieder der Judengemeinde, so daß die sofortige Freilassung der Inhaftierten erfolgte.

Im Jahr 1737 wurde unter Markgraf Carl Wilhelm Friedrich eine neue Judenverordnung erlassen, die die Bezeichnung „Ordnung und Privilegien einer gesamten Schutzjudenschaft im Markgrafentum Onolzbachll trug. Wenn auch die Rechtlosigkeit der Juden noch immer offen zutage trat, so brachte sie doch manche Verbesserung. Diese Verordnung wurde 1759 von Markgraf Carl Alexander erneuert und beinhaltete, daß Juden, die seitens der markgräflichen Regierung durch Ausstellung eines Schutzbriefes die Genehmigung zur Niederlassung in einem Ort der Markgrafschaft erhielten, sich dort ansiedeln durften und die betreffende Gemeinde keine Einwendungen mehr dagegen erheben konnte. Die Gemeinden hatten aber das Recht, für die Bürgeraufnahmen entsprechende Gebühren zu erheben, die teilweise sehr erheblich gewesen sind. Kein Untertan durfte sich jedoch mehr mit Worten oder Werken an den Schutzjuden vergreifen.

Daß aber noch immer ein gespanntes Verhältnis zwischen Christen und Juden bestand, beweist eine Bittschrift, die Bürgermeister und Rat der Stadt Gunzenhausen um die Mitte des 18. Jahrhunderts an den Landesherrn richteten und worin Klage über das Verhalten der ortsansässigen Judenschaft geführt wird (abgedruckt in der „Chronik der Stadt Gunzenhausen" von Pfarrer Karl Stark 1899). In der Bittschrift heißt es unter anderem : dem dahier überhand nehmenden Wachstum der Judenschaft, welche sich seit 50 Jahren von 14 auf 50 Familien vermehrt hat, die mehr als den vierten Teil der hiesigen Bürgerschaft ausmacht und das Überbleibsel der armen Bürgerschaft wie Blutegel aussaugt, mit Nachdruck gesteuert, die Unvermöglichen in andere Ortschaft verwiesen und die Verbleibenden sich keiner Vorrechte vor den christlichen Bürgern als da sind: a) daß sie 18 Prozent Interesse von den Christen nehmen dürfen, b) vom Soldatenhalten befreit sind, c) von den Metzgern das Pfund Fleisch um zwei Pfennige wohlfeiler erhalten müssen, als solches von den Christen zu bezahlen ist, und d) alle Handelsschaften an sich ziehen und doch nicht versteuern dürfen, zu erfreuen haben werden .

 

Das Ende der Rechtlosigkeit

Der Beginn der geistigen und politischen Befreiung des Judentums fällt in das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts. Moses Mendelssohn hat durch seine literarische Tätigkeit ungemein viel zur geistigen Hebung des Judentums beigetragen. Er hat mit gleichgesinnten Freunden wie Christian Wilhelm von Dohm und Gottfried Ephraim Lessing unermüdlich für die Befreiung seines Volkes gearbeitet und durch solches Wirken Emanzipationsbestrebungen in ganz Europa angeregt. Das Edikt über die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreich Bayern (Reg.-Blatt 1813, Seite 922) gab den Juden in Bayern „eine gleichförmige und der Wohlfahrt des Staates angemessene Verfassung'.

Die Synagoge

Der Raum, in dem die Juden ihren Gottesdienst abhalten, heißt die Synagoge — Beth Hackneseth —, Haus der Vereinigung. Die Gunzenhäuser Judengemeinde hielt, als sie auf zehn Familien angewachsen war, ihren Gottesdienst in einem Privathaus ab. Aber bereits im Jahr 1583 wird in der Bürgermeisteramtsrechnung eine Synagoge in der Altmühlstadt erwähnt. Das gleiche ist aus dem Jahr 1604 zu berichten. Die Synagoge oder Judenschule befand sich in jener Zeit . in dem heute abgebrochenen Anwesen Waagstraße 3 a, das einem Israeliten gehörte. Nach dem Ratsprotokoll vom 13. April 1714 war der Besitzer verpflichtet, die Abhaltung der Gottesdienste zu gestatten. Doch mußte dafür die Gemeinde das Dachwerk auf ihre Kosten unterhalten. Über dem Eingang zu dem Anwesen, einem Rundbogenportal, befand sich eine hebräische Inschrift, die um die Jahrhundertwende entfernt worden ist.

1708 richtete die Judengemeinde an die markgräfliche Regierung die Bitte, wegen des Anwachsens ihrer Glieder eine neue Synagoge errichten zu dürfen. Eine städtische Abordnung unter Führung von Bürgermeister Steinhäuser erhob in Ansbach dagegen Einspruch. Doch scheint man sich geeinigt zu haben, denn in der Bürgermeisteramtsrechnung von 1719 ist von einer neuen Judenschule die Rede. Sie wurde auf dem Grund des heutigen Anwesens Auergasse 3 (früher Judengasse) erbaut, doch sind weder ein Grundriß noch ein Bild von ihr erhalten. Erhebliche Ausbesserungsarbeiten wurden 1838 und 1844 notwendig. Eine grundlegende Renovierung führte man 1849 durch, doch wurde der Zustand des Gebäudes immer schlechter, so daß man sich 1880 zum Abbruch entschließen mußte. Die Gottesdienste wurden bis zur Fertigstellung des an der Mariusstraße (Hafnermarkt) entstehenden Neubaues in maurischem Stil in der Wohnung der Familie Blumenstein, Marktplatz 5, abgehalten.

Über die Platzfrage für einen Neubau gab es innerhalb der Gemeinde erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Schließlich trat die Mehrheit für den Erwerb des Dreßlerschen Anwesens nebst Garten an der Mariusstraße/ Brechgraben (Bühringerstraße) ein. Dort entstand das neue Gotteshaus nach Plänen des Nürnberger Architekten Elvora. Das mit zwei Kuppeltürmen versehene massive und große Gebäude wurde zu einem der Wahrzeichen Gunzenhausens. Am 13. Oktober 1883 fand mit großen Feierlichkeiten die Einweihung statt, an der sich auch zahlreiche nichtjüdische Einwohner beteiligten.

In der neuen Synagoge befanden sich Plätze für etwa 400 Männer und 100 Frauen. 1908 wurde das 25jährige Bestehen des Bauwerkes gefeiert. Das 50jährige Jubiläum im Jahr 1933 — vorher war eine Innenrenovierung durchgeführt worden — stand bereits im Schatten der beginnenden Verfolgung durch die nationalsozialistischen Machthaber. Noch vor der sogenannten „Kristallnacht// erwarb auf Drängen der Kultusgemeinde die Stadt Gunzenhausen die Synagoge. Die Kultgeräte kamen ins Heimatmuseum, wo sie in einem eigenen Raum zur Aufstellung kamen, aber 1945 von dazu unberechtigten Personen (wie sich später herausstellte) abgeholt wurden.

In der sogenannten „Kristallnacht", als in Deutschland viele Synagogen brannten, blieb die Gunzenhäuser Synagoge von der Zerstörung verschont, insbesondere weil sich der damalige Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Gunzenhausen, der mit dem Feuerlegen beauftragt war, weigerte, den Auftrag auszuführen. Während des Zweiten Weltkrieges diente die ehemalige Synagoge als Gefangenenlager. Nach dem Krieg richtete man dort eine „Kaufhalle" ein, der aber kein Ianger Bestand beschieden war. Später erwarb das Eisenwerk Loos das leerstehende Gebäude und baute dort das Werk II des Betriebes auf. Ein früherer Plan der Stadt, die ehemalige Synagoge zu einem Feuerlöschgerätehaus umzubauen, hatte sich zerschlagen. Im Zuge der Altstadtsanierung wurde 1981 die Synagoge zusammen mit anderen Gebäuden abgebrochen. Auf diesem Platz entsteht eine Tiefgarage mit Randbebauung.

Die israelitische Volksschule

Die israelitische Volksschule Gunzenhausen ist erst auf Grund der bayerischen Schulreform vom Jahr 1824 ins Leben gerufen worden. Bis dahin besuchten die Judenkinder die deutsche Schule (so genannt im Gegensatz zur Lateinschule). Hebräisch und Religionsunterricht erteilte ein Privatlehrer namens Epstein. Einer Wahl der ins Leben gerufenen israelitischen Kultusgemeinde

Das Gebäude der israelitischen Volksschule mußte dem Bau der Tiefgarage weichen Aufn. : S. Kipfmüller

Gunzenhausen zufolge wurde Simon Epstein am 13. März 1828 von der Kreisregierung als Elementarlehrer anerkannt. Der bisherige Judenlehrer Gumper Lazarus Bachmann (seit 1788) suchte um seine Pensionierung nach.

Die Kultusgemeinde überließ als Schulzimmer und Wohnung für Epstein ihr in der oberen Vorstadt gelegenes halbes Wohnhaus, die ehemalige Judenherberge. Der 1878 nach Gunzenhausen versetzte Lehrer Hermann Frank weigerte sich jedoch, diese Wohnung zu beziehen auch Epstein hatte bereits über die schlechten Wohnverhältnisse Klage geführt und nahm eine Mietwohnung in Anspruch, wozu die Gemeinde einen Mietzuschuß zu leisten hatte. Nachdem die Schule um die Mitte des 19. Jahrhunderts in das Anwesen Mariusstraße 13 verlegt worden war, in dem sich auch das rituelle Bad befand, der Vorbeter und Schächter seine Wohnung hatte und die Unterbringung sich deshalb ebenfalls als unzulänglich erwies, entschloß man sich, im Zusammenhang mit dem Synagogenneubau auch ein neues Schulhaus zu errichten. Dieses Gebäude, ein massiver Backsteinbau, verschwand im Rahmen der Altstadtsanierung ebenfalls.

Jüdische Volksschullehrer waren nach Epstein ab 1848 der Schulgehilfe Bernhard Kohn von Kleinerdlingen, 1851/52 Simon Ottenstein, dann Hermann Frank und Moses Marx (bis 1922) sowie Max Levite (bis 1938).

Der israelitische Friedhof

Nach dem Judenprivileg von 1473 befand sich der Judenfriedhof für das Fürstentum Ansbach in Gunzenhausen, und zwar außerhalb der Stadt auf der nördlichen Seite der Nürnberger Straße. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts scheint dieser Friedhof jedoch eingegangen oder nicht mehr benutzt worden zu sein. Die Beisetzungen mußten daher auswärts erfolgen, vor allem in Bechhofen. 1875 erwarb die Gunzenhäuser Kultusgemeinde mit anderen Glaubensgenossen von Altenmuhr, Markt Berolzheim, Heidenheim und Cronheim ein Grundstück am Rand des Burgstallwaldes (an der heutigen Leonhardsruhstraße), um dort einen eigenen Friedhof anzulegen, der am 26. August 1875 eingeweiht und bis 1938 benutzt wurde. Im Zusammenhang mit der sogenannten „Kristallnacht/l des Jahres 1938 wurden auch der Friedhof demoliert sowie Grabsteine umgestürzt und entfernt. Nach 1945 erhielt der bisherige Friedhof den Charakter einer Anlage. Die wenigen noch vorhandenen Grabsteine wurden renoviert.

Nach dem Synagogen- und Schulhausneubau trat für die israelitische Kultusgemeinde bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg eine sich den allgemeinen Zeitverhältnissen anpassende Entwicklung ein. Das Band, das die jüdischen Mitbürger mit den Angehörigen der anderen Konfessionen vereinte, kann als sehr harmonisch bezeichnet werden. Die jüdischen Einwohner nahmen teil am gesellschaftlichen und gemeindlichen Leben, wirkten in den Vereinen mit und waren auch ihrerseits bemüht, sich in die bestehende Gesellschaftsordnung einzufügen. Sie galten als liberal und demokratisch gesinnt und waren auch Anhänger und Vertreter solcher Vereinigungen. Am 25. November 1884 wurde als erster Israelit der Kaufmann Siegfried Werthheimer in den Magistrat der Stadt gewählt. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörten dem Stadtrat Gunzenhausen der Kaufmann Rudolf Seeberger als Mitglied der Fraktion der Deutschen Demokratischen Partei, als Mitglied der SPD-Fraktion der Kaufmann Albert Hellmann und als Angehöriger des Bürgerlichen Ordnungsblocks der Kaufmann Heinrich Neumann an. Noch in bester Erinnerung sind die Namen der jüdischen Ärzte Dr. Wilhermsdörfer, Dr. Rueck und Dr. Karl Rothschild, ebenso des bekannten Sportlers, einstigen schnellen Linksaußen des 1. FC 1910 und hervorragenden 100-MeterLäufers des TV 1860, Bruno Waldmann.

Im Ersten Weltkrieg fanden als Offiziere und Soldaten die drei Brüder Ludwig, Max und Oskar Seller den Tod. Gefallen ist außerdem Viktor Bermann und gestorben als Oberstabsarzt Dr. Rueck. Die ihnen in der Synagoge gewidmete Gedenktafel ist leider nicht mehr vorhanden.

Waren bis nach dem großen Kriegsgeschehen Fälle von Antisemitismus in Stadt und Land kaum vorgekommen, so mehrten sich solche Tendenzen in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch von 1918. Schon bald nach 1933 und besonders nach dem ersten Pogrom vom Palmsonntag des Jahres 1934 (25. März), das zu dem bis heute nicht völlig geklärten Tod von Kaufmann Max Rosenau und von Jakob Rosenfelder führte sowie zu den Vorfällen, die am 15. Juli 1934 die Ermordung des Gastwirts und Metzgermeisters Simon Strauß im Gefolge hatten, zogen es viele jüdische Familien vor, die Altmühlstadt zu verlassen, um in Großstädten, wo man sich ungefährdeter glaubte, oder in Palästina (dem heutigen Israel) und selbst in Übersee eine neue Heimat zu suchen. Trotzdem traf die „Kristallnacht" des November 1938 eine zahlenmäßig noch immer starke jüdische Gemeinde in ihrer Härte und Erbarmungslosigkeit. Diese Tage brachten das Ende der uralten Gemeinde.

Trotz der ungeheuerlichen Geschehnisse jener Jahre haben viele Angehörige der Gunzenhäuser israelitischen Kultusgemeinde, die heute in aller Welt zerstreut leben, und selbst deren Nachkommen die Anhänglichkeit an die alte Heimat bewahrt und dies durch Wort, Schrift und Besuche bekundet. Es steht jedoch noch nicht fest, wie viele von den einstigen Gemeindegliedern in Dachau, Auschwitz usw. den Tod gefunden haben. Ob sich dereinst wieder jüdisches Leben in der Altmühlstadt regen wird, muß der Zukunft überlassen bleiben.