Aron und Martha Klein

Aron Klein ist am 10.02.1872 in Ungarn in dem Ort Badolo, Komitat Abanj-Torna geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Philipp Klein und dessen Frau Antonie, geb. Weiß.

Aron kam als Journalist nach Deutschland und heiratete am 01.03.1921 Martha Klein, geb. am 09.07.1872 in Gunzenhausen als Tochter des jüdischen Kaufmanns Samuel Seeberger und dessen Frau Jeanette, geb. Oberdorfer.

Das Ehepaar führte bis 1937 das von Marthas Eltern ererbte Haushaltswarengeschäft auf dem Marktplatz, in dem sie vor allem Geschirr und Glasplatten verkauften.

Nachdem Markus Rehfeld, der Kantor der jüdischen Gemeinde, im Oktober 1933 in den Ruhestand versetzt worden war, übertrug die Kultusverwaltung dessen Aufgabenbereich teilweise an das Ehepaar Klein. So war Aron Klein an den Wochentagen für das Vorbeten in der Synagoge zuständig, während seine Ehefrau Martha für das Ritualbad verantwortlich war.

Aufgrund der Repressalien gegen jüdische Mitbürger und auch wegen des Boykotts gegen jüdische Geschäftsleute gaben sie 1937 ihr Geschäft auf, verließen jedoch erst am 25.01.1939 Gunzenhausen und wanderten nach Prag aus. Dort wohnten sie vom 25. Januar 1939 bis zum 15. Oktober 1942 in der Bilkowastraße 19. Ihr Haus in Gunzenhausen war inzwischen in den Besitz der Stadt übergegangen.

Der Seiler Arthur Riegel mietete die Geschäftsräume von der Stadt für seine Seilerei, die er vorher neben dem Blasturm in der Rathausstraße betrieben hatte. Nach Angaben seiner Tochter haben die ‚Nazis’ in dieser Zeit den Restbestand des Geschäftes ausverkauft. Für die übrig gebliebenen Bierkrüge, die noch im Laden standen, musste er an die Stadt 100 RM bezahlen.

Wegen der guten Geschäftslage entschied sich die Familie Riegel 1942 das Haus zu kaufen. Zu diesem Zweck nahmen sie Kontakt zu dem Ehepaar Klein in Prag auf. Als Antwort schrieben diese, sie hätten darauf keinen Einfluss mehr. Daraufhin wurde der Kaufpreis an die Stadt bezahlt.

Zu dieser Zeit war der hintere Anbau noch an einen Rechtsanwalt vermietet. Herr Riegel nutzte ihn später als Seilerwerkstatt.

1946, als die amerikanische Militärverwaltung alle Eigentumsverhältnisse aus jüdischem Besitz überprüfte, versuchten die Riegels wieder Kontakt mit den Kleins in Prag aufzunehmen, um die Rechtmäßigkeit des Kaufvorganges bestätigen zu lassen. Doch die Briefe kamen unbeantwortet zurück. Auch Briefe nach Israel zu Verwandten blieben unbeantwortet.

Das Schicksal des Ehepaares ist nicht geklärt, doch gibt es Hinweise, dass sie nach Theresienstadt deportiert worden sind. Offiziell wurden sie 1953 für tot erklärt zum 08.05.1945.

Aufgrund der Wiedergutmachungsbestimmungen nach dem Krieg musste von den Riegels für das Haus von 1946 bis 1956 Miete bezahlt werden. 1956 kam es zu einer abschließenden Verhandlung in Nürnberg. Aufgrund des Urteils wurde der Kaufpreis noch einmal eingefordert. An wen er allerdings bezahlt worden ist, wusste Frau Riegel nicht mehr.

Ansprüche Dritter wurden in diesem Urteil allerdings von nun an ausgeschlossen.

Kurze Zeit danach besuchte ein Verwandter der Familie Seeberger aus Israel Gunzenhausen und erkannte im Hause der Riegels Möbel aus seiner Familie. Aufgrund des Urteils konnte er jedoch keinen Anspruch mehr darauf erheben.

Im Jahr 1960 meldete Arthur Riegel seine Seilerei aus Altersgründen ab, betrieb jedoch den Laden mit Frau und jüngerer Tochter weiter. Seit 1980 führte die ältere Tochter Sophie Elise Riegel das Geschäft, in dem sie Bastelmaterialien und Wachstischtücher verkaufte.

Sie hat uns noch kurz vor ihrem Tod im Sommer 2001 die Geschichte dieses Hauses erzählt und erinnerte sich dabei auch an den großen Kastanienbaum im Hof, den Samuel Seeberger noch gepflanzt hatte und der erst in den 1990iger Jahren gefällt worden ist.

Noch heute (Stand 2025) ist über der rückwärtigen Eingangstüre das Firmenschild von Arthur Riegel zu sehen. Aber keine Spur mehr von dem Ehepaar Klein.

Doch im November 2025 wurden wir glücklicherweise von Adam Bershad, einem Ururenkel von Aron Klein, kontaktiert. Er schickte uns interessante Informationen über seine Familie:

„Ich bin selbst verwundert, dass ich diese Seite erst jetzt entdeckt habe. Mein Urgroßonkel und meine Urgroßtante waren Albert (Aron) Klein und Martha Seeberger Klein. Albert war der ältere Bruder meines Urgroßvaters. Wir wussten nie viel über ihn, und jetzt habe ich diese ganze Geschichte über sie gefunden – einfach unglaublich!

Mein Opa (der jetzt 96 Jahre alt ist) erinnert sich an ein paar Dinge. Er wusste, dass sie 1921 geheiratet haben, weil es ein Familienfoto aus den USA gibt. Die übrigen Verwandten der Familie Klein in den USA hatten nämlich ein Treffen zu Ehren der Hochzeit ihres Bruders in Deutschland veranstaltet. Opa erinnert sich auch an seine eigene Kindheit und dass während dieser Zeit Aaron am Marktplatz 35 wohnte.

Mein Opa hatte die Gelegenheit, den Ort zu besuchen, als er in den 1950er-Jahren in Deutschland stationiert war. …

Ich kann etwas über Alberts (Aron) Familiengeschichte erzählen.

Albert (Aaron) war eines von sieben Kindern der Familie Klein. Es gab drei Jungen und vier Mädchen. (Ein achtes Kind starb im Säuglingsalter.) Sie stammten aus einem Dorf namens Turna nad Badvou in der Nähe von Kassa, Ungarn (heute Košice, Slowakei).

Vater: Fulop (Philipp) Klein – 1839

Mutter: Antonia Klein, geb. Weisz – 1848

Tochter: Julia Klein verh. Jonas – 1867

Sohn: Sandor Klein – 1869 – starb im Säuglingsalter

Sohn: Albert Klein – 1872

Tochter: Regina Klein verh. Schwartz – 1873

Sohn: Jakab Klein – 1875

Tochter: Hermina Klein verh. Stern – 1879

Tochter: Gita Klein – 1886

Sohn: Armin Klein – 1888 (der Vater meines Großvaters)

Vater Fulop starb 1904. Da sie nun niemanden mehr hatten, der sie unterstützen konnte, emigrierte der Großteil der Familie 1905 nach New York City. Fulops jüngerer Bruder Bertalan Klein unterstützte die Familie. Antonia, Julia, Regina, Hermina, Gita und Armin reisten in diesem Jahr ab; nur Albert und Jakab blieben zurück.

Jakab kam tatsächlich auch für einige Monate in die USA, kehrte aber schließlich zurück. Seine Familie zog nach Budapest. Er hatte fünf Söhne. Jakab starb 1936 vor dem Krieg, ebenso wie sein jüngster Sohn. Die übrigen vier Söhne und ihre Familien lebten während des Krieges in Budapest. Drei der vier Söhne starben, einer überlebte, wurde aber in den 1950er Jahren während der Rákosi-Diktatur im Gefängnis ermordet. Durch Nachforschungen fanden wir schließlich drei von Jakabs Enkeln, die alle den Kontakt zueinander verloren hatten. Zwei lebten noch in Budapest, einer wanderte nach Australien aus.

 

Was Albert betrifft, weiß mein Großvater nicht genau, wie er Martha kennengelernt hat, aber er weiß, dass er Journalist gewesen war. Vermutlich ging er beruflich nach Deutschland, da er bereits 33 Jahre alt war, als seine Familie das Land verließ."

Dank Adam Bershad haben wir zum ersten Mal etwas von der bewegten Familiengeschichte Klein erfahren. Uns war auch nicht bekannt, dass Aron (Foto rechts) den Vornamen Albert hatte. Im Standesamt in Gunzenhausen war sein Name als Aron eingetragen, obwohl Aaron die übliche Schreibweise war und ist.

Zudem hat Herr Bershad uns dankenswerterweise die Fotografien auf dieser Seite zur Verfügung gestellt.