Familie Hirsch Weißkopf

Der Handelsmann Hirsch Weißkopf wurde als Sohn von Jon Weißkopf um 1787 geboren. Zusammen mit seiner Schwester Mina erbte er 1824 das väterliche Viertel des Hauses in der Waagstraße 1.

Gleichzeitig lebte in Gunzenhausen David Seligmann Weißkopf. Er war verheiratet mit Vogel Rosenbaum, geb.1807 in Theilheim. David Seligmann Weißkopf hatte neun Jahre in Würzburg studiert und war dann als Zehngebotsschreiber tätig; zum Beispiel fertigte er Gesetzesrollen, Mesusas und Tefillin an.

(Tefillin, auch Tephillin, von hebr. tefila, „Gebet“, sind Lederriemen und lederne „Gebetskapseln“, die im jüdischen Gebet bei Männern getragen werden und Texte aus der Tora enthalten.)

Sein Schutz- und Konzessionsgesuch wurde vom Magistrat abgelehnt, da in Gunzenhausen kein Bedarf an Zehngebotsschreibern bestand. 1826 erfolgte jedoch trotzdem seine Bürgeraufnahme, allerdings als Schutzverwandter. Dies ist etwas rätselhaft für uns, da sein Vater, Seligmann Lazarus Weißkopf, seit 1795 als Viehhändler hier lebte und David Seligmann 1798 hier auch geboren worden ist.

Rolf Hofmann hat den Stammbaum der Familie Weißkopf im Internet unter der Adresse
www.alemannia-judaica.de/images/Images%20Bayern/WEISSKOPF.pdf veröffentlicht.
Er stellte ihn freundlicherweise für unsere Website in erweiterter Form zur Verfügung. Zum Herunterladen des Stammbaums als pdf-Datei (162 Byte) klicken Sie bitte hier.

Unter folgender Adresse findet man einige Gräber vom Friedhof in Wallerstein, wo Mitglieder der Familien Weißkopf und Wassermann begraben sind: www.alemannia-judaica.de/wallerstein_friedhof.htm

Dort fanden wir auch Informationen zu den Rabbis aus dieser Familie:

David Weißkopf und sein Schwiegersohn Marx Michael Kohn waren die letzten Rabbiner vom Rabbinat Wallerstein in Nordschwaben. Sie entfalteten einst noch mal blühende Aktivitäten und übernahmen auch das Oettinger Rabbinat, als es 1857 vakant wurde.

Als jedoch die jüdische Bevölkerung in den ländlichen Gemeinden immer mehr abnahm, wurden  nach dem Tod von Marx Michael Kohn im Jahr 1888 die jüdischen Gemeinden in diesem Teil Bayerns vom Rabbinat Ichenhausen übernommen.

Zur selben Zeit wurde David Weißkopfs Sohn Moses Rabbi einer kleinen orthodoxen Gemeinde in Paris. Diese Position hatte er bis zu seinem Tod im hohen Alter von einhundert Jahren inne. Sein Grab ist im Friedhof von Montmartre. Es ist wirklich bescheiden und enthält noch weitere Angehörige der Familie. Die Inschrift des Grabsteins ist sehr verwittert und leider kaum noch leserlich.

Rabbi Mosos (Moise) Weisskopf
Rabbi Mosos (Moise) Weisskopf of Paris in his advanced years

Ein weiterer interessanter Aspekt der Weißkopf-Geschichte ist die Tatsache, dass David Weißkopfs Tante (Bertha Weißkopf aus Gunzenhausen) die Mutter von Rabbi Moses Wassermann (geb. 1811 in Gunzenhausen) war. So waren die beiden bedeutenden Rabbis von Süddeutschland tatsächlich Cousins, die ihre Vorfahren in Gunzenhausen hatten.

Oliver Sacks
Oliver Sacks

Auch der berühmte Neurologe und Schriftsteller Oliver Sacks hatte Vorfahren in Gunzenhausen, die aus den Familien Weißkopf und Kohn kamen. In seinen Erinnerungen, die in der deutschen Ausgabe unter dem Titel  "Onkel Wolfram" erschienen sind, erzählt er die Geschichte, wie sein Urgroßvater zu dem Namen Landau kam.

"Als der Jüngste von beinahe der Jüngsten (ich war das letzte von vier Kindern und meine Mutter das sechzehnte von achtzehn) wurde ich fast hundert Jahre nach meinem Großvater mütterlicherseits geboren und habe ihn nicht mehr gekannt.
Er wurde 1837 als Mordechai Fredkin in einem kleinen russischen Dorf geboren. Als jungem Mann gelang es ihm, sich dem Dienst in der Kosakenarmee zu entziehen. Er floh aus Russland mit dem Pass eines Toten namens Landau, da war er gerade sechzehn. Als Marcus Landau gelangte er nach Paris und von dort nach Frankfurt, wo er heiratete (eine Frau, die ebenfalls sechzehn war). Zwei Jahre später, 1855, zogen sie mit ihrem ersten Kind nach England."

Auch seine Großmutter Chajo Kohn aus Deutschland wird in diesem Buch erwähnt. Sie wurde die zweite Frau von Markus Landau, nachdem seine erste bei der Geburt des sechsten Kindes gestorben war. Mit ihr zusammen hatte er noch 13 Kinder, eines davon war die Mutter von Oliver Sacks.

Rolf Hofmann erklärte uns die familiären Zusammenhänge:

Marx Michael Kohn (allerletzter Rabbiner das Distriktrabbinats Wallerstein, bevor es nach seinem Tode dem Rabbinat Ichenhausen zugeschlagen wurde) und seine Gattin Judith, geb. Weißkopf hatten die Kinder Chajo (verheiratet mit Marcus Israel Landau), Seligmann, Hindele (verheiratet mit Hermann Rieder), Helene Rachel (verheiratet mit Jonas Simon), Ziporah (blieb unverheiratet) und Pinchas Kohn (eine bedeutende Ansbacher Rabbinerpersönlichkeit, verheiratet mit Rosalie Moses).

Großfamilie Weißkopf
Großfamilie Weißkopf

Ein Urenkel von Judith Weißkopf, Nick Landau aus London, hat uns sehr bei unserer Arbeit geholfen. Er schrieb uns unter anderem diese Mail:

Es ist sehr schön von Ihnen zu hören.
Ja, Oliver Sacks ist der erste Cousin meines Vaters. Ich werde in seinem Buch, "Onkel Wolfram", schauen nach dem, was Sie interessiert. Ich bin überrascht, dass er über Gunzenhausen Bemerkungen macht, denn seine Mutter ist in England geboren. Sein Vater lebte in Litauen (denke ich)  und kam, als er sehr jung war, nach England. Seine Mutter war die Schwester von meinem Großvater. Sie wurde in Kleinerdlingen  geboren.                                                   

Hindele Kohn, die die Mutter von Michael Rieder war (Burgstallstraße 9), war die Schwester von meiner Urgroßmutter Chajo. Wie ich schon sagte, sind beide in Kleinerdlingen geboren.

Wenn Sie auf meine Vorfahren in der Waagstraße 1 verweisen, dann werden sie auf Lazar und Seligman Weißkopf stoßen.

Übrigens, "Onkel Wolfram" (Der Titel des Buches von Oliver Sacks) ist mein späterer Großvater (Dave), aber er war kein Chemiker.

Ich habe gesehen, dass Oliver Lazar Weißkopf als „ein alchemically inclined rabbi“ (ein zur Alchemie neigender Rabbi) im 17. Jahrhundert in Lübeck lebte. Stimmt es, dass Lübeck im Norden von Deutschland ist?

Ich sehe nun auch, dass er geschrieben hat, dass die Mutter seiner Mutter in Gunzenhausen geboren ist. Ich habe den Stammbaum, den eine Cousine in Australien aufgestellt hat, und ich denke, ich kann mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass meine Urgroßmutter in Kleinerdlingen geboren ist. Seit ich mich erinnern kann, habe ich gehört, dass sie von dort kommt.

Ich hoffe, dass in der nicht allzu entfernten Zukunft ich mir Ferien nehmen kann, um die Plätze, wo meine Familie lebte, zu besuchen. Sie sind auf dem Friedhof in Wallerstein begraben.

Meine Vorväter (David Weiskopf und Mordecai Michael Kohn) waren Rabbis in der Gegend und ich habe eine Kopie von einem Zeitungsartikel über sie.

Meines Vaters väterliche Großmutter, Chajo Kohn, lebte 1873 in Deutschland. Sein mütterlicher Großvater Wechsler war von Schwabach. Sie kamen um die selbe Zeit nach England.

Mein Vater hatte eine Familie, die vor dem Krieg nach England kam – der Stammbaum will die Umgekommenen aus der ganzen Verwandtschaft zeigen. Natürlich waren wir in der Zeit schon 70 Jahre in England. In diesen Tagen, bevor es Flugverkehr und internationale Telefongespräche gab, waren Briefe der einzige Weg um die Verbindung zu halten. Es war leicht möglich den Kontakt zu den Leuten zu verlieren.

Ich werde in Bezug auf Familie Rieder, wenn ich Zeit habe, auf den Stammbaum schauen. Meine Cousine in Australien erstellte den Stammbaum meiner Familie. Mit der Hilfe des Stammbaums kann man Kontakt mit ihnen aufzunehmen.

Mit freundlichen Grüßen
Nick Landau