Familie Karl Weinmann

Der Kaufmann und Bankier Karl Weinmann, geb. 21.07.1890, zog 1914 von Altenmuhr nach Gunzenhausen und wohnte in der Bahnhofstraße 12 bei Rosenfelder.

1920 heiratete er Lina Rosenfelder aus Nördlingen und erwarb später das Haus Ecke Burgstallstraße/Luitpoldstraße.

Dort kamen auch ihre beiden Söhne zur Welt, 1922 Berthold und 1926 Max.

Doch schon 1929 verstarb Lina Weinmann und wurde auf dem Friedhof der israelitischen Kultusgemeinde in Gunzenhausen beerdigt, wo heute noch ihr Grabstein steht.

Karl Weinmann heiratete in zweiter Ehe 1930 Gretl Eberhardt aus Maßbach.

In einem Brief berichtet Max Weinmann über die folgenden Jahre:
,Ich kann mich noch gut erinnern, dass der Antisemitismus in Gunzenhausen unerträglich wurde, wir konnten uns kaum auf die Straße trauen. Als ich mit meinem Bruder Berthold einmal in der Altmühl badete, wurden wir von uniformierten Nazis untergetaucht (Kinder von 8 und 12 Jahren!).'

Die Familie entschloss sich, 1934 Gunzenhausen zu verlassen. Im November verkaufte sie ihr Haus an den Zahnarzt Dr. Theodor Wissmüller.

Sein Sohn Max schrieb uns über die erste schwere Zeit nach der Ankunft in Argentinien:
‚Im Juni 1937 emigrierte unsere Familie nach Argentinien praktisch mittellos. Da mein Vater keine Aussicht hatte, eine Stellung als Bankier in Buenos Aires zu bekommen (er konnte die Sprache nicht und war schon herzkrank), fasste er den Entschluss in das Innere des Landes zu den Bergen in der Nähe der Grenze zu Chile zu reisen. Da er dort einen Neffen hatte, wollte er in dieser Gegend ein kleines Geschäft aufmachen ...
Ich ging dann dort in die einzige Schule, die es gab. In dem Dorf gab es keinen Strom, keine Wasserleitung, kein eingerichtetes Bad, die Fußböden in den Häusern waren von Lehm oder Ziegelsteinen; also alles unbeschreiblich primitiv.’

Max Weinmann zu Pferde in Argentinien
Max Weinmann zu Pferde in Argentinien

1948 starb Karl Weinmann, kurz darauf heiratete Max Weinmann Edith Strauss aus Stuttgart. Sie zogen in eine Großstadt am Atlantik, eröffneten dort ein Geschäft und bekamen zwei Kinder, Lilian und Carlos. Inzwischen haben sie vier Enkel und leben in Mar del Plata.

Sein inzwischen verstorbener Bruder Berthold lebte in Buenos Aires und war verheiratet mit Lore Schwarz aus Stuttgart. Auch sie haben zwei Kinder.

Max Weinmann besuchte einige Male das Grab seiner Mutter auf dem jüdischen Friedhof in Gunzenhausen und sah sich sein Elternhaus an.
,Wir waren ... in Gunzenhausen und sahen das Schild eines Zahnarztes an dem Haus ... seinen Namen kann ich nicht erinnern ...'

Besuch Ehepaar Max und Edith Weinmann in Gunzenhausen

Max Weinmann und Bürgermeister Gerhard Trautner
Max Weinmann und Bürgermeister Gerhard Trautner

Im Sommer 2001 besuchte das Ehepaar Max und Edith Weinmann Deutschland, da die Stadt Stuttgart ihre ehemalige Mitbürgerin Edith Weinmann zusammen mit ihrem Mann für zwei Wochen eingeladen hatte. In dieser Zeit haben sie erfreulicherweise einen Abstecher nach Gunzenhausen gemacht, um sich mit uns zu treffen.
Herr Weinmann schilderte uns sein Leben und wir konnten ihnen Fragen stellen. Begleitet wurden sie von Schwester und Schwager Frau Weinmanns, Frau und Herrn Friedenbach.

Bei einem Podiumsgespräch, in dem Herr Bürgermeister Trautner, Herr Stadtarchivar Mühlhäußer und zwei Zeitgenossinnen von Herrn Weinmann, Frau Netuschil und Frau Raab, zusammen mit uns versuchten, die Zeit des Dritten Reiches in Gunzenhausen zu erörtern, erfuhren wir viel über die Nöte und die Beweggründe der Menschen in dieser Zeit.
In einem beeindruckenden Plädoyer sagte uns Frau Weinmann:
,Wir hassen nicht, aber wir können auch nicht vergessen. Ich rate euch, nicht zu hassen. Der, der hasst, ist immer der Ärmere. Zwischen den beiden Extremen Hass und Liebe ist viel Raum für andere Formen zwischenmenschlicher Beziehungen, zum Beispiel für Respekt voreinander.'

Frau Raab, Frau Netuschil, Frau und Herr Weinmann, Herr Trautner, Herr Mühlhäußer, Frau Friedenbach in unserem Klassenzimmer

Uns alle beeindruckte die noble Haltung von Herrn Weinmann, der darauf bestand, keine Namen zu nennen von Menschen, die er hier als Kind gefürchtet hat, weil sie ihm und anderen jüdischen Mitbürgern damals große Angst eingejagt hatten.
Besonders bewegt war er, als er zum ersten Mal seit der Flucht sein Elternhaus wieder betreten konnte.

Das Haus Luitpoldstraße 1 ist heute im Besitz des Zahnarztes Dr. Wolfgang Wissmüller, dem Sohn von Dr. Theodor Wissmüller. Er hat dort seine Zahnarztpraxis.

Nach seiner Rückkehr nach Argentinien schrieb uns Max Weinmann:
"Ich muss gestehen, dass ich sehr beeindruckt war als ich in das Klassenzimmer eintrat und die Photos meiner Eltern und unseres damaligen Hauses sah und die anderen Häuser der damaligen jüdischen Mitbürger.
Beim Lesen des Materials, das mir überreicht wurde, muss ich ja von Dank sprechen, dass unserer Familie nicht das gleiche zugestoßen ist, wie leider so vielen anderen Juden Gunzenhausens, die in den Vernichtungslagern umgekommen sind. Die Verantwortlichen dieser Untaten sind ja zum größten Teil ausgestorben, heute lebt ja Deutschland eine vorbildliche Demokratie und es wäre Unrecht, die Schuld den späteren Generationen zuzuschanzen.
Natürlich kann man das Geschehene nicht vergessen, aber die Schritte zur Versöhnung, welche Sie erwähnen, sind aufrichtig und ich denke, dass das bei fast allen Deutschen der Fall ist.

Ich will mich nochmals bedanken für Ihre so herzlichen Briefe, ich finde keine Worte dafür, Ihnen zu erklären, wie sehr sie mich bewegen. Auch für mich war der kurze Aufenthalt in Gunzenhausen eine ‚Sternstunde’, wie Herr Franz Müller es beurteilt ...
Oft erinnern wir uns an den denkwürdigen Tag in Gunzenhausen. Es hat mich besonders gerührt nach all den schlimmen Taten, die dort geschehen sind so menschliche Wärme zu spüren und so wertvolle Menschen kennen zu lernen. Hoffentlich können wir den Kontakt weiter aufrechterhalten und uns eines Tages wiedersehen."