Familie Gustav Theilheimer

Gustav Theilheimer, der Sohn von Raphael Löw Theilheimer und Therese Bauer, wurde am 25.03.1866 in Dittenheim geboren. 1885 erwarben seine Eltern eine Haushälfte in der Brunnenstraße 15, wo er zusammen mit seinem Vater als Handelsmann tätig war. Am 4. Mai 1898 übernahm er von seinem Vater für 3.000 M den Hausanteil und im Juli erfolgte seine Bürgeraufnahme in Gunzenhausen. Im selben Jahr heiratete er am 18. August Rosa Waldmann, die Tochter von Veiß Nathan Waldmann und Regina Steiner aus der Hensoltstraße 6. Sie wurde am 26.12.1869 in Dittenheim geboren.


Das Ehepaar bekam sechs Kinder

  • Thekla * 19.05.1899
  • Regina * 26.05.1901 und + 05.09.1902
  • Bella * 03.11.1902
  • Hedwig * 04.01.1904
  • Richard * 18.06. 1909

Gustav war als Vieh- und Hopfenhändler sehr erfolgreich, denn 1911 erwarb er noch zusätzlich das Haus in der Weißenburger Straße 9 um 1.000 M. Doch schon 1919 wird es wieder verkauft.

Rosa Theilheimer verstirbt am 8. September 1929. Daraufhin kommt Gustavs Schwester Johanna ‚Hannchen’ Theilheimer, um ihrem Bruder und den Kindern den Haushalt zu führen. Sie war 1906 nach Amerika ausgewandert, aber schon 1913 wieder zurückgekehrt. Bis 1935 bleibt sie bei der Familie, obwohl ihr Bruder Gustav schon am 8. März 1933 verstorben ist. Im Jahr 1940 kommt sie im KZ Theresienstadt ums Leben.

Hier finden Sie den Text der Grabrede für Herrn Gustav Theilheimer.

Die Tochter Thekla heiratete 1926 Bernhard Gutmann aus Heidenheim. Sie emigrierten 1938 nach Avigdor in Argentinien. Das Ehepaar hatte keine Kinder.

Bella besuchte als junges Mädchen die Handelsschule in Nürnberg und arbeitete dann dort als Sekretärin. Nur an den Wochenenden fuhr sie zu ihrer Familie in Gunzenhausen. Am 1. Januar 1935 heiratete sie Max Stoll, geb. am 16.05.1899 in Nördlingen. Er hatte in Nürnberg ein Eisenwarengeschäft. Die beiden Kinder des Ehepaares wurden noch in Deutschland geboren:

  • Gerhard * 24.6.1936 in Fürth
  • Walter * 17.4.1938 in Fürth
Bella und Max Stoll
Bella und Max Stoll

Die Nachkommen dieser beiden Söhne sind im Familienstammbaum aufgeführt. Von dem jüngeren Sohn Walter Stoll haben wir diese Informationen freundlicherweise per E-Mail bekommen. Er hat auch den Stammbaum der Familie zusammengetragen, der in der englischen Übersetzung enthalten ist.

Die junge Familie Stoll konnte im Mai 1939 endlich Deutschland verlassen und nach London emigrieren. Schon ein Jahr später, im August 1940 durften sie in Amerika einreisen. Sie ließen sich in Denver/Colorado nieder.
1983 zog die Witwe Bella Stoll nach Berkeley in Kalifornien, um näher bei ihren zwei Söhnen und den Enkelkindern zu sein. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod am 27.01.1988.

Berthold und Hedl Maier
Berthold und Hedl Maier

Die dritte Tochter, Hedwig (Hedl), besuchte als Teenager ebenfalls die Handelsschule in Nürnberg. Dort arbeitete sie danach als Buchhändlerin und Sekretärin. An den Wochenenden kam sie nach Hause, ebenso wie ihre Schwester Bella. 1937 emigrierte sie nach London und blieb während des Krieges dort. Danach zog sie nach Denver/Colorado, wo sie am 8. Mai1948 Berthold Maier aus Bruchsal heiratete. Das Ehepaar hatte keine Kinder. Am 25.12.1980 starb Hedwig in Denver.

Sohn Richard war Versicherungsinspektor und wanderte schon am 15.10.1935 nach New York aus, nachdem die Nürnberger Gesetze, die 1935 wirksam geworden sind, es ihm unmöglich machten, seinen Beruf weiter auszuüben. Am 10. April 1937 heiratete er Charlotte Strauß, geb. am 05.06.1911 in Nürnberg. Das Ehepaar hatte eine Tochter: Linda, geboren am  04.06.1947 in New York City. Auch ihre Familie ist dem Stammbaum zu entnehmen. In den USA arbeitete Richard als Produktionsmanager in der Bekleidungsindustrie, v. a. Kinderkleidung.

Der jüngste Sohn Feodor besuchte zunächst in Gunzenhausen die Realschule und dann in Nürnberg drei Jahre die Oberrealschule. Danach studierte er Mathematik und Physik in Erlangen. 1928 ging er nach Litauen, um an der Teishe Yeshiva zu studieren. Drei Jahre später besuchte er das Hildesheimer Rabbiner Seminar in Berlin. 1932 konzentrierte er sich auf Mathematik an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und erhielt seinen Doktortitel 1936, einer der letzten jüdischen Graduierten, wenn nicht der letzte. Nachdem es ihm im Nazi-Deutschland nicht erlaubt war zu lehren, emigrierte er 1937 in die USA. Nach verschiedenen Dozentenstellen und einer Professur am Trinity College ging Feodor nach Washington D. C., wo er bei der US Navy arbeitete. Er war als Mathematiker in der Forschung und Entwicklung von Schiffskonstruktion und –design tätig. Nebenher lehrte er an der Universität von Maryland und an der Amerikanischen Universität.

1948 heiratete er Henny Rubel, die ursprünglich aus Hochspeyer stammte. Sie lebten in Chevy Chase, Maryland und hatten eine Tochter: Rachel, geboren 1950 in Silverspring, Maryland. Sie ist verheiratet mit Jonathan Beard und lebt in New York.Feodor starb am 24.12.2000 in Chevy Chase.
Betty Rosenbaum von der Burgstallstraße 4 schrieb uns ihm Jahr 2001, dass Feodor Theilheimer vor kurzem gestorben sei. Er habe in Gunzenhausen mit ihr die selbe Klasse in der alten Realschule besucht und sei ihrer Ansicht nach ein Genie gewesen.

Nach dem Tod von Gustav Theilheimer im Jahr 1933 nutzten verschiedene Familienmitglieder das Haus, v. a. Bella, Hedwig, Richard und Feodor. 1935 haben sie ihre Haushälfte an Ludwig und Magdalena Wechsler verkauft. Doch schon ein Jahr später erwirbt es die Familie Gebhart.

Walter Stoll, der Sohn von Bella, sandte uns Informationen über das Schicksal der Theilheimerfamilie. Die Nachkommen von Gustav und Rosa Theilheimer haben alle das Dritte Reich überlebt, da sie Gunzenhausen rechtzeitig verlassen haben. Sie leben heute in den USA.

Bar Mitzvah von Gerhard Stoll
Bar Mitzvah von Gerhard Stoll Juni 1949 Erste Reihe: Walter Stoll (11), Gerhard Stoll (13)' Zweite Reihe von links nach rechts: Max Stoll, Bella Stoll, Rose Maier, Berthold Maier, Hedl Maier, Feodor Theilheimer und seine Frau Henny

Die folgenden Fotos haben wir von Walter Stoll erhalten. Es ist interessant zu sehen, was die fünf Kinder der Familie Theilheimer vor ihrer Auswanderung noch fotografiert haben. Die Grabsteine ihrer Eltern und die der drei Opfer des ersten Pogroms vom 24. März 1934 sind heute nicht mehr erhalten.

In dem Haus Brunnenstraße 15 befindet sich heute die ,Pizzeria an der Stadtmauer'.

Laut Auskunft von Walter Stoll bekam die Familie nach dem Krieg keine Ausgleichszahlung für ihr Haus. Das bedeutet, dass sie freiwillig darauf verzichtet hat, indem sie den Verkauf des Hauses als rechtmäßig bestätigte.

Feodor Theilheimer hat seine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Diese kann hier gelesen werden.
 
Besuch Walter Stoll
Im Mai 2008 besuchte uns Walter Stoll zusammen mit seiner Frau Diane und Tochter Kira in der Schule.
Sie zeigten uns Bilder von der Familie, und wir erfuhren traurige Einzelheiten über die Reichskristallnacht, die Walters Eltern in Nürnberg erlebt haben. Er selbst war damals gerade fünf Monat alt gewesen.