Familie Rudolph Seeberger

Seeberger, Rudolph (1860 -1922)
Seeberger, Rudolph (1860 -1922) (Foto: © Stadtarchiv Gunzenhausen)

Rudolph Seeberger wird am 31.08.1860 in Gunzenhausen als Sohn von Samuel Seeberger und Jeannette Oberdorfer geboren. Sein Urgroßvater Samuel Neumark aus Gunzenhausen hatte erst 1813 den Familiennamen Seeberger angenommen. Die Seeberger waren eine kinderreiche und aktive Familie, so dass es allein in Gunzenhausen viele Geschäfte mit diesem Namen gab.
Den Stammbaum der Familie Seeberger gibt es hier als PDF-Datei zum Herunterladen. Rudolph heiratet 1887 Jeannette Blum aus Würzburg. Aus der Ehe gehen fünf Kinder hervor:

Klothilde * 17.07.1889 in Gunzenhausen
Moritz Raphael * 17.08.1890 in Gunzenhausen
Marta * 11.02.1893 in Gunzenhausen
Joseph * 11.10.1894 in Gunzenhausen
Meta * 12.09.1896
+ 30.01.1897
in Gunzenhausen
in Gunzenhausen

Am 19.08.1887, also mit seiner Heirat, erhält Rudolph Seeberger das Bürgerrecht und am 25.04.1889 meldet er ein Gewerbe für Glas- und Steingutwarenhandel an. 1891 lässt er das Haus Nr. 23 in der Ziegelgasse, heute Hensoltstraße, bauen. Zwei Jahre später eröffnet er in der oberen Ziegelgasse, heute Hensoltstraße, eine Glas-, Steingut- und Töpferwarengroßhandlung.

Hensolt- und Burgstallstraße (heute)
Hensolt- und Burgstallstraße (heute) Im Besitz der Familie sind die Anwesen Hensoltstraße 19, 21 und 23, Seckendorffstraße 4, Burgstallstraße 9 und Marktplatz 35. (Foto: © Luftbild Hans-Peter Lautner, Gunzenhausen)

1911 baut Rudolph Seeberger eine Töpfereiwerkstatt mit Lagerhaus und übernimmt 1913 die Tonwarenfabrik `Frankonia` von Georg Schumayr aus der Nachbarschaft. Kurz zuvor hatte er eine neuartige Glasiermaschine erfunden.

Quelle: Altmühl-Bote vom 15. Februar 1913

Aber auch im politischen und gesellschaftlichen Leben ist der Geschäftsmann Seeberger aktiv. 1902 wird er Vorstand des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur – Verein ‚Harmonie’ genannt. Zudem ist er Mitglied im Generalbevollmächtigtenkollegium, wo er 1910 zum 2. Schriftführer gewählt wird. Im bayerischen Bienenzüchterverein amtiert er als Vorstand und von 1919 bis zu seinem Tod im Jahr 1922 ist er Stadtrat in Gunzenhausen als Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei. Nach dem Tod Rudolph Seebergers am 23.10.1922 wird die Produktion in der Tonwarenfabrik Frankonia eingestellt. Seine beiden Söhne Raphael und Josef führen aber die Glas-, Porzellan-, Steingut- und Tonwarenhandlung bis zum 1. Juli 1931 weiter.

Der ältere Sohn Raphael Seeberger hatte schon 1920 mit seiner Familie das Haus Nr. 19 in der Nachbarschaft übernommen – heute Seckendorffstraße 2. Das Haus Nr. 23 geht 1922 an den Sohn Josef Seeberger. Er hatte am 15.12.1920 Franziska Kohn, geb. am 09.09.1898 in Ansbach, geheiratet. Sie war die Tochter des bekannten Distriktrabbiners Dr. Pinchas Kohn und dessen Frau Rosalie, geb. Moses.
Aus dieser Ehe gehen zwei Kinder hervor:

  • Siegfried * 09.09.1921 in Gunzenhausen
  • Rudolph * 08.09.1924 in Gunzenhausen
Quelle: Altmühl-Botte (September 1921)

Die Familie lebt bis 1931 im Haus Hensoltstraße 23. Am 22.01.1931 meldet sie sich nach Ansbach ab und wohnt dort bei Dr. Kohn. Schon am 08.10.1934 wandert Josef Seeberger nach Palästina aus. Seine Ehefrau und beide Söhne folgen am 03.11.1935.

Klothilde Seeberger
Klothilde Seeberger © Stadtarchiv Gunzenhausen

Über ihr tragisches Schicksal informiert uns ein Zeitungsbericht
- Pressebericht vom 09.06.1914 im Altmühl-Boten:

Der verheiratete, 29 Jahre alte Kaufmann Hugo Weglein, gebürtig von Neustadt a. d. Saale, Teilhaber der Töpferei Frankonia, ist gestern Vormittag freiwillig aus dem Leben geschieden.
Er brachte sich in seiner Wohnung auf dem Rücken liegend, mittelst einer Browningpistole einen Schuß in den Mund bei, der den sofortigen Tod herbeiführte. Der Selbstmord war von niemanden bemerkt worden. Als die Schwiegermutter des Weglein gegen ¾ 12 Uhr das Zimmer betrat, fand sie ihn in seinem Blute schwimmend tot vor. Was den Bedauernswerden, der am Sonntag abend noch in vergnügter Stimmung in Gesellschaft weilte, in den Tod getrieben, ist noch nicht festgestellt; es verlautet jedoch, dass Familienzwistigkeiten die Ursache gewesen seien.
Der Selbstmord ist um so tragischer, als die junge Frau des Weglein, eine Tochter des Herrn Rudolf Seeberger, mit der er seit etwa drei Jahren verheiratet war, seit Weihnachten völlig erblindet ist. Der bedauernswerten Frau mit ihrem Kinde wendet sich allgemeine Teilnahme zu.

Vier Monate später brachte Klothilde ihr zweites Kind zur Welt und blieb mit ihren beiden Kindern bei der Familie ihres Bruders Josef im elterlichen Haus bis sie 1930 nach Fürth zog, wo Lina und Herbert inzwischen lebten. 1939 ist sie im Israelitischen Kranken- und Pfründerhaus Würzburg gemeldet. Auf ihrer Krankenkarte, die in Würzburg angelegt wurde, ist vermerkt, dass sie am 23. September 1942 abgewandert ist. Sie gilt als verschollen im KZ Auschwitz.Ihre beiden Kinder Lina und Herbert hatten Deutschland noch rechtzeitig verlassen und lebten in Israel. Lina war dort mit einem Herrn Rothschild verheiratet.

Quelle: Personendokumentation der jüdischen Einwohner von Gunzenhausen von Werner Mühlhäußer

Die Tochter Martha heiratet am 1. Juli 1919 in Ansbach Herrn Simon Höchster aus Fürth. Das Ehepaar hat zwei Söhne:

  • Emil Elieser * 1920 in Gunzenhausen
  • Siegfried * 1922 in Gunzenhausen

Schon 1923 stirbt der Ehemann und Martha wird Miteigentümerin der Firma K. Höchster, Öl- und Fettwaren in Fürth. Wie uns Herr Emil Höchster mitteilte, waren die beiden Buben als Kinder jeden Sommer in Gunzenhausen bei den Großeltern.
Im Jahr 1927 erkrankte der jüngere Bruder Siegfried an Polio und Emil musste mehrere Monate in Gunzenhausen leben und dort zur Schule gehen um nicht angesteckt zu werden. Sein Lehrer hier war Max Levite. Er erinnert sich auch an die Tante Klein vom Marktplatz 35 und an den Onkel Josef aus der Burgstallstraße 9. Emil Elieser verlässt Fürth am 11. Juli 1937. 1938 war er in München und erlebte dort am 9.11. 1938 die Zerstörung der Synagoge. 1939 wurde er nach England in Sicherheit gebracht. Von England kam er in ein Lager nach Australien, da die Engländer die Invasion der Deutschen befürchteten und daher die jüdischen Kinder nicht mehr in Sicherheit glaubten. Nach einem Jahr in Australien kam er 1941 nach Palästina. Heute lebt er in Jerusalem.
 

Über Emil Höchsters Zeit in Australien steht ein interessanter Bericht im Internet:
"Wie es den Fürther Emil Höchster in die australische Wüste verschlug"
 
Sein jüngerer Bruder Siegfried war 1938 nach Holland geschickt worden, kam von dort nach Auschwitz und überlebte es schwerstkrank. 2 ½  Jahre musste er nach Kriegsende in der Schweiz im Krankenhaus verbringen, bis er wieder gesund war. Auch er lebt heute in Israel und hat 9 Kinder. Die Mutter Martha war in Fürth geblieben und hatte sich 1939 um eine Ausreise in die USA bemüht, es aber nicht mehr geschafft. So wurde sie am 22. März 1942 nach Auschwitz deportiert und ist dort verschollen. (Das Fürther Archiv schreibt KZ Izbica.)
Emil Höchster hat später einige Jahre bei der UNO in Genf gearbeitet. Dort lernte sein ältester Sohn Deutsch.
In Jerusalem war er Oberhaupt des zivilen Services von ganz Israel, d. h. alle zivilen Beamten unterstanden ihm.
Heute ist er Ehrenbürger von Jerusalem und sozial sehr engagiert, z. B. ist er Vorstand einer Schule mit 2200 Schülern.
Emil Eliezer Höchster hat 1991 mit seinen drei Kindern Gunzenhausen besucht und am Haus in der Hensoltstraße 23 oben rechts noch das Schild vom Geschäft seines Großvaters Rudolph Seeberger entdeckt. Inzwischen ist es leider nicht mehr vorhanden.
Heute existiert auf dem Anwesen in der Hensoltstraße 23 nichts mehr, was an eine Töpferei erinnern würde. Es befindet sich immer noch im Besitz der Familie Lanz. Frau Lanz lebt seit 1933 im ehemaligen Haus der Familie Seeberger.

Von ihr erfuhren wir noch einiges:
Das ganze Areal, von der Hensoltstraße 23 bis hin zur Seckendorffstraße 4 und der große Garten dahinter, war ehemals im Besitz der Familie Seeberger. Dies alles ging um 1931 als Konkursmasse in den Besitz des Bankiers Gerst über. Justin Gerst hat das Nachbarhaus (Seckendorffstraße 2) als Wohnhaus selbst übernommen. Die Eltern von Frau Lanz erwarben 1933 das Haus Hensoltstraße 23. Dort sollte auch das Fränkische Überlandwerk untergebracht werden, denn Herr Lanz war der Chef des Betriebes in Gunzenhausen.
 
Familie Dommel kaufte 1936 die Töpfereiwerkstatt und die Bürogebäude der Firma. Herr Dommel war Kohlenhändler und nutzte das Gebäude als Lagerhalle. Nach dem Krieg wurden dort Wohnungen für Flüchtlinge eingerichtet. Familie Lanz musste nach dem Krieg, als die Restitutionsforderungen kamen, nichts nachbezahlen, Familie Dommel schon, denn sie hatte den Kaufpreis nicht mehr an die Familie Gerst entrichtet. Als Kind hat Frau Lanz immer mit den Mädchen der Familie Gerst im Hof gespielt. Dort befand sich eine Laubhütte für das rituelle Laubhüttenfest der Juden. Herr Lanz hat sie bald abgerissen und dort Garagen und Büros für das Überlandwerk gebaut. In der Nacht des 9. November (Reichskristallnacht) hörten sie die Schreie der Gerst-Mädchen, denn SS-Leute waren in das Nachbarhaus eingedrungen und haben die Bewohner herausgeholt. Frau Lanz erinnert sich, dass sie in ihrem Hausgang standen und voller Angst zuhörten. Ihre Mutter sagte damals: "So geht es über kurz oder lang uns Katholiken". Von der Familie Seeberger haben sie niemanden mehr kennen gelernt, sie waren alle schon vorher weggezogen.
 
Die Familie Gerst konnte 1938 noch nach Amerika auswandern. Nach dem Krieg war Herr Gerst noch einmal in Gunzenhausen und lief durch die Stadt, um zu sehen, was sich alles verändert hat. Besucht hat er nur Herrn Albrecht aus der Hensoltstraße 29. Dieser war der Chef des Arbeitsamtes und hatte sich immer gut mit jüdischen Mitbürgern verstanden.