Karl Rothschild

Karoline Rothschild geb. Kellermann, erhalten von Shulamit Reinharz

Am 11.06.1892 wurde Dr. Karl Rothschild in Schlüchtern als Sohn von Isaak Rothschild und Karoline, geb. Kellermann geboren.

Seine Mutter stammte aus Gunzenhausen, unter Familie Kellermann ist die Geschichte ihrer Familie nachzulesen.

 

 

 

 

 

 

Um 1919 kam Dr. Karl Rothschild mit seiner jungen Frau nach Gunzenhausen und wohnte zunächst in der Seckendorffstraße 3. Hier übernahm er die Praxis des 1918 verstorbenen jüdischen Arztes Dr. David Rueck.

Diese Bilder von Karl und Thekla Rothschild haben wir von Shulamit Reinharz aus Boston erhalten.

In erster Ehe war er mit Thekla Katzenstein, geb. am 23.12.1896 in Pfungstadt, verheiratet.

Im Jahr 1920 kaufte Karl Rothschild von der jüdischen Familie Wertheimer, die nach München gezogen war, das Haus in der Bahnhofstraße 35 für 32 500 RM. Hier eröffnete er seine neue Arztpraxis und im Laufe der folgenden Jahre wurden dort die vier Kinder der Familie geboren.

Max Michael *20.02.1921  +2013 USA

Manfred *21.03.1922   +29.12.1922 Gunzenhausen

Hannah Helena *24.12.1924  +16.09.2012 Israel

Eva *22.03.1929

Quelle: Personendokumentation der jüdischen Einwohner von Gunzenhausen, zusammengestellt von Stadtarchivar Werner Mühlhäußer

Thekla Rothschild mit ihrem Sohn Max, erhalten von S. Reinharz

Am 26. März 1933 ereilte die Familie ein Schicksalsschlag: Frau Thekla Rothschild starb.

Dr. Karl Rothschild blieb zunächst in Gunzenhausen, wo er ein sehr angesehener und großzügiger Arzt war, der Berichten von Zeitgenossen zufolge auch ohne Rechnung behandelte, wenn jemand in Not war.

Die Rothschildkinder mit ihrer zweiten Mutter Henny, erhalten von S. Reinharz

Umso bedrückender und unverständlicher ist das, was die Familie in dieser Zeit in Gunzenhausen erleben musste.

Tochter Hannah Cherlow, die seit ihrer Heirat in Israel lebte, berichtete uns:
Meine Mutter starb im März 1933 und schon im Sommer des darauffolgenden Jahres wurde mein Vater zu dem hiesigen jüdischen Gasthof gerufen, da zwei jüdische Männer von Nazis umgebracht worden waren.

Im Februar 1934 war die Bar Mizwah meines Bruders und unsere Verwandten aus München waren zu Besuch da. Ich erinnere mich, dass an diesem Tag von der Straße aus Steine in unsere Fenster geworfen wurden, so dass sie alle zertrümmert waren.

Mein Vater heiratete 1934 wieder und zwar eine Cousine meiner Mutter (Henriette Tuch, * 14.09.1904 in Erlangen).

Eines Tages kam mein Bruder weinend von der Realschule nach Hause, weil ihm Mitschüler aufgelauert und ihn geschlagen  hatten. Von da an weigerte er sich, weiterhin in diese Schule zu gehen. Er war der jüngste Schüler seines Jahrganges, nachdem er eine Klasse übersprungen hatte.

Meine Eltern schickten ihn daraufhin nach München in die Schule.

Schon ein Jahr später, am 7. November 1935, meldete sich die ganze Familie nach München ab. In der Tierschstraße 19 eröffnete Dr. Karl Rothschild eine neue Praxis.

Bezirkstierarzt Dr. Wagner, erhalten von Fam. Wagner

Ein Jahr lang stand das Haus in der Bahnhofstraße leer und es lagen wohl einige Kaufangebote vor.
Im Juni 1936 begann ein Briefwechsel mit dem Bezirkstierarzt Dr. Georg Wagner aus Gunzenhausen. Beide kannten sich seit 1929, als der aus Forchheim stammende Tierarzt nach Gunzenhausen versetzt worden war und ein Jahr lang bei den Rothschilds zur Miete wohnte. Dr. Wagner zeigt Interesse an dem Haus und bekommt es für 22 500 RM angeboten.

Ein vollständig erhaltener Briefwechsel dokumentiert die Verhandlungen zwischen den beiden Herren, die am 4. August 1936 ihr Ende in der notariellen Beurkundung des Hausverkaufs an die Bezirkstierarzteheleute Dr. Georg und Rosa Wagner finden. Für 17 000 RM plus 2 344 RM Wertzuwachssteuer wechselt das Haus den Besitzer. Dr. Georg Wagner zieht mit Frau und Sohn Hermann ein und eröffnet hier seine Tierarztpraxis.

Bisher wussten wir nur, dass die Familie Rothschild München nach wenigen Jahren wieder verlassen hat und nach Amerika ausgewandert ist. Tochter Hannah berichtete uns über das weitere Schicksal der Familie:

1935 zogen wir alle nach München, nachdem mein Vater das Haus zu einem relativ niedrigen Preis an einen Tierarzt verkauft hatte.

Am 9. November 1938 wurde mein Vater in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Mein Bruder, der zu dieser Zeit eine landwirtschaftliche Ausbildung absolvierte, damit er in Palästina Arbeit finden wird, kam nach Buchenwald in das Konzentrationslager.

Im Dezember 1938 wurde mein Vater wieder entlassen, ebenso mein Bruder, der sofort nach Holland emigrierte.

Mich schickte man im März 1939 mit einem Kindertransport zu einer Familie nach London und meine Schwester kam auf die gleiche Weise in ein Kinderheim nach Glasgow in England. Zwei Wochen vor dem Ausbruch des Krieges kamen auch meine Eltern nach London. In München mussten sie unsere beiden Großmütter zurücklassen, die später von den Nazis ermordet wurden.

Im März 1940 konnten meine Eltern, meine Schwester und ich in die USA emigrieren. Wir ließen uns in Malden, Massachusetts, einem Vorort von Boston, nieder.

Mein Vater begann ein Studium für das medizinische Staatsexamen und meine Mutter arbeitete in einer Fabrik, während meine Schwester und ich die Schule besuchten.

Später schloss ich an der Universität als Ingenieurin ab und begann 1946 in New York zu arbeiten. Mein Vater wurde als Arzt in Massachusetts zugelassen und begann dort zu praktizieren.

Mein Bruder hielt sich in Holland auf einem Bauernhof versteckt und lebte zwei Jahre lang mit einem anderen jungen Mann in einer Dachkammer. Als Holland befreit wurde, kam auch er in die USA.

Nach dem Krieg, 1946, besucht der Sohn Max Rothschild Gunzenhausen und sein Elternhaus. Über diesen Besuch berichtete uns Herr Mike Rohrbach aus den USA, der Max Rothschild für uns gefunden hat:

Max ist tatsächlich nach dem Krieg noch einmal in Gunzenhausen gewesen, doch als er die zerstörte Synagoge und den verwüsteten jüdischen Friedhof sah, beschloss er, nie mehr zurück zu kehren.

Dies ist der letzte bekannte Besuch eines Familienmitgliedes in Deutschland.

Kurz danach bekommt die Familie Wagner die Mitteilung, dass nach einer Entschließung der amerikanischen Militärregierung alles Eigentum, das von jüdischen Besitzern erworben worden ist, unter Sperre und Beaufsichtigung fällt, sofern man nicht den Nachweis erbringen kann, dass der Kauf nicht unter Zwang, Drohung oder in rechtswidriger Weise geschehen ist. Dieser Nachweis musste schriftlich durch den früheren jüdischen Besitzer oder dessen gesetzlichen Erben erfolgen.

Die Familie bezahlt ab jetzt Miete für das Wohnrecht in dem Haus.

Nun war allerdings der Kontakt zwischen den beiden Familien inzwischen abgebrochen. In seiner Not wendet Dr. Wagner sich an die Stadt Amsterdam und bittet um Mitteilung der Adresse von Max Rothschild, der dort studieren soll.

Offensichtlich ist ihm die Anschrift zugesandt worden, da nun erneut ein vollständig erhaltener Briefwechsel seinen Anfang nimmt. Im Januar 1947 erbittet er von Dr. Rothschild eine schriftliche Bestätigung mit dem Hinweis, dass ihm das Haus damals ohne Druck seinerseits verkauft worden sei und dass er auf eine Wiedergutmachung keinerlei Anspruch erhebe.

Erst im Oktober 1948 erhält er aus den USA die gewünschte Erklärung.

Beigefügt ist dem Brief jedoch noch eine persönliche Notiz.

October 20, 1948

Sehr geehrter Herr Reg. Vet. Rat!
Inliegend finden Sie die gewünschte Erklärung.
Ich ließ die Worte "Zwang" und "Drohung" weg, da ich
doch moralisch gezwungen war (ich bitte das absolut
unpersönlich aufzufassen), das Haus zu verkaufen
und Gunzenhausen zu verlassen.

Indem ich Ihre Grüße aufs beste erwidere, bin
ich Ihr sehr ergebner

Karl Rothschild

Damit endete der Kontakt zwischen den beiden Familien.

Leider ist Herr Max Rothschild bis heute nicht mit dem Schicksal der jüdischen Gemeinde Gunzenhausens und v. a. seiner Familie versöhnt. Herr Rohrbach schrieb uns:

Ich fand Max Michael Rothschild in New Jersey und habe heute (18. Dezember 2002) mit ihm gesprochen.
Er war sehr freundlich und sprach sehr offen darüber, dass er keinen Kontakt zu Gunzenhausen mehr haben möchte.

Das tut uns sehr leid. Wir freuen uns daher besonders über den Briefwechsel mit seiner Schwester Hannah, die uns über das Leben der Familie in den USA und in Israel berichtet:

Meine Schwester war die Vizepräsidentin eines Junior Colleges in Seattle, Washington, und mein Bruder war einer der Direktoren des Jüdischen Theologie Seminars in New York. Ich wurde Maschinenbau – Ingenieurin ... 1948 heiratete ich und zog 1949 mit meinem  Mann nach Israel. Er arbeitete hier 30 Jahre lang bei der ELAL Fluglinie als Betriebswirtschaftler, und ich arbeitete erst als Patent-Prüfer und später als Patent-‚Agent’.

Inzwischen sind wir beide im Ruhestand ... Mein Mann und ich sind davon überzeugt, dass Israel das einzige Land ist, in dem Juden frei leben können ...


Mein Vater starb 1978 und meine Mutter 1991. Beide sind in Jerusalem begraben.

 

Hannah, Max und Eva Rothschild bei einem Familientreffen, erhalten von Hannah Cherlow
Bsanimbüchse der Rothschilds, aus "Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern" nach Theodor Harburger, Band 2

Eine Bsamimbüchse aus dem Privatbesitz der Familie war der Synagoge von Gunzenhausen zur Verfügung gestellt worden. Offensichtlich konnte sie noch rechtzeitig vor der Plünderung zurückgeholt und mit nach Amerika genommen werden. Als Tochter Hannah nach Israel ging, wurde sie ihr von ihren Eltern mitgegeben.

Mehr dazu auf der Seite über die Ritualgegenstände aus der Synagoge von Gunzenhausen.

Prof. Shulamit Reinharz vor dem Haus ihrer Großeltern Bahnhofstraße 35 im Oktober 2015 © Franz Müller


Frau Hannah Cherlow lebte zusammen mit ihrem Mann Robert in Jerusalem und unterstützte aktiv eine Organisation, die Kindern in Not hilft:

Seit 1974 unterstütze ich AMIT. Es ist dies eine Frauen-Organisation, die ein großes Bildungsnetz in Israel umfasst. Wir unterstützen 53 Institutionen, darunter zwei Kinderdörfer, in denen Kinder aus nicht mehr intakten Elternhäusern leben und versorgt werden.

In Israel sind die ersten acht Schuljahre kostenlos, doch für die 9. – 12. Klasse müssen die Eltern bezahlen.

AMIT hilft hier mit der Übernahme der Unterrichtsgebühren und bezahlt auch zusätzliche Unterrichtsstunden, damit die Schüler bessere Abschlüsse erzielen. Wir unterstützen auch die Anschaffung von Brillen, zahnärztliche Behandlung, psychologische Hilfe und Fahrtkosten für bedürftige Schüler.

Jede Art von finanzieller Unterstützung ist der Organisation willkommen. Auskünfte werden erteilt unter robertcherlow@hotmail.com

Hannah Cherlow starb im Jahr 2012 und Max Rothschild im Jahr 2013.

Diese Mitteilung erhielten wir von Prof. Shulamit Reinharz, der Tochter von Max Rothschild, die wir glücklicherweise kennenlernen durften. Zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters kam sie nach Gunzenhausen, um hier die Geschichte ihrer Vorfahren zu erforschen und den Schülern vom Schicksal ihrer Familie zu berichten. Sie schreibt gerade an einem Buch, dessen Grundlage die Lebenserinnerungen ihres Vaters sind. Etliche seiner Schilderungen über Menschen und Vorkommnisse im damaligen Gunzenhausen las sie den Schülern vor und beeindruckte sie damit sehr.  

 

Sprechzimmertür der Praxis Rothschild

Besonders berührt war sie von der Sprechzimmertür ihres Großvaters, die heute noch unverändert in dem Haus erhalten ist.

 

Im Juli 2016 besuchte Natanel Yechieli zusammen mit seiner Cousine Tirza Routtenberg, geb. Cherlow, Gunzenhausen. Beide sind Enkel von Hannah Cherlow, der Tochter von Dr. Karl Rothschild. Sie brachten aus Israel Bilder ihrer Familie mit, die sie Bürgermeister Fitz und Stadtarchivar Mühlhäußer schenkten, damit die Erinnerung an die Familie Rothschild und deren Nachkommen hier in der Stadt erhalten bleibt. 

Auch sie besuchten das Haus der Familie in der Bahnhofstraße und wurden von Familie Wagner, den heutigen Besitzern, durch das Heim ihrer Vorfahren geführt.  Fred Loos, der früher in der Nachbarschaft gewohnt hatte und als kleines Kind Patient von Dr. Karl Rothschild gewesen war, teilte mit den jungen Besuchern seine Erinnerungen an diese Zeit. 

Auf dem jüdischen Friedhof hielt Netanel eine kurze Andacht, auch zum Gedenken an seine Urgroßmutter Thekla Rothschild, die hier begraben liegt. Leider ist ihr Grab nicht mehr auffindbar, da auch dieser Grabstein zusammen mit vielen anderen in der Zeit des Dritten Reiches zerstört worden ist. 

In der Tageszeitung Altmühl-Bote wurde ein ausführlicher Bericht über den Besuch veröffentlicht: http://www.nordbayern.de/region/gunzenhausen/nachfahren-der-rothschilds-besuchen-gunzenhausen-1.5321078