Geschichte bis 1933

Im Mittelalter. Schon im ausgehenden 13. Jahrhundert sind Juden in Gunzenhausen belegt, sie waren nämlich 1298 von den sog. Rindfleisch-Verfolgungen betroffen. In einer Urkunde von 1334 ist ein Jude namens Lewe von Gunzenhausen erwähnt, und in den Jahren 1343 und 1344 sind unter den Schuldnern der Herzöge Johann und Albrecht Juden aus Gunzenhausen. Im Zuge der Judenverfolgungen zur Zeit des “Schwarzen Todes” wurde die Gemeinde 1349 zerstört. In der “Judeninstruktion” von 1374 ist von einem jüdischen Friedhof in Gunzenhausen die Rede; im selben Jahr wird einem Juden namens Heilmann ein Schutzbrief mit Wohnrecht in Gunzenhausen erteilt.

Aus dem 15. und 16. Jahrhundert ist über Juden in Gunzenhausen kaum etwas bekannt. Im Verzeichnis der jüdischen Gemeinden im Bistum Eichstätt von 1480 heißt es, in Gunzenhausen seien viele jüdische Familien ansässig, und 1482 ist wieder ein jüdischer Friedhof in Gunzenhausen erwähnt. Doch benutzten die Juden von Gunzenhausen um die Mitte des 15. Jahrhunderts (1461) auch den jüdischen Friedhof in Nördlingen.

Vertreibung und Wiederansiedlung. Teilweise vertrieben wurden die Juden von Gunzenhausen in den Jahren 1539 und 1560; 1593 sind in der Bürgerliste von Gunzenhausen nur zwei Juden verzeichnet. Im selben Jahr verlieh Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg einem Juden aus Bechhofen namens Isaak einen Schutzbrief samt Wohnrecht in Gunzenhausen, worin seine Familie und die Angehörigen seines Haushalts inbegriffen waren. In offiziellen Urkunden aus dem Jahre 1583 ist eine “Judenschule” (d. i. eine Synagoge) in Gunzenhausen erwähnt.

Im frühen 17. Jahrhundert setzten die Juden von Gunzenhausen ihre Toten im jüdischen Bezirksfriedhof zu Bechhofen bei; der älteste Grabstein dort (von 1607) ist der eines gewissen David Brendel aus Gunzenhausen Während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts war Gunzenhausen eine der bedeutenderen jüdischen Gemeinden im Fürstentum Ansbach, der erste Sitz des Landrabbiners. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts residierte in Gunzenhausen offenbar eine Zeitlang auch das vereinigte Rabbinat von Ansbach-Würzburg.

Rabbinat. Unter den in G. amtierenden Landrabbinern sind bekannt Rabbi Salomo b. Todros Joseph, nach ihm Rabbi Samuel David ben Jakob Grunam (1659-1675) und als letzter Rabbi Jeremia ben Juda Lejb Grump (1680-1693). 1693 wechselte das Landrabbinat von G. nach Schnaittach, 1709 nach Schwabach, doch blieb Gunzenhausen auch danach Sitz der “Landrichter”.

Nach der Vertreibung der Juden aus Herrieden im Jahre 1681 ließen sich einige der dortigen Juden in Gunzenhausen nieder.

Seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert fungierten die Rabbiner von Gunzenhausen auch als Rabbiner für einige umliegende Gemeinden wie Cronheim und Markt Berolzheim. Der berühmteste unter ihnen war der Kabbalist Rabbi Simon Akiba ben Joseph Bär (1698-1724), der als Gemeinderabbiner und Vorsitzender des rabbinischen Gerichtshofs (Bet Din) im ganzen Distrikt amtierte.

Die Verwalter der Landjudenschaft. Die jüdische Gemeinde in Gunzenhausen spielte damals auch eine wichtige Rolle im Rahmen der sog. “Landjudenschaft”. Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts (1603) werden zwei Gunzenhausener Juden, Chajim und Meïr, unter den sechs Gemeindevertretern aufgeführt, die an den Verhandlungen um einen allgemeinen Schutzbrief für die gesamte Judenheit des Landes beteiligt waren. Im Gemeindebuch von Gunzenhausen wird erstmals von festen “Ratstagen” berichtet, zu denen Vertreter der Landjudenschaft zusammenkamen. In den Jahren 1677-1686 gehören zu den Unterzeichnern der auf den Ratstagen beschlossenen Verordnungen Vertreter der Gemeinde Gunzenhausen, die Verwalter der Landjudenschaft von Model Neumark sowie Isaak Seckele ben Rabbi Naftali Jehuda. Vertreter der Gemeinde Gunzenhausen waren auch aktive Teilnehmer an den Versammlungen des “Kleinen Rats” der Landjudenschaft in Ansbach. Im Jahre 1711 waren zwei von den acht “Verwaltern der Landjudenschaft” aus Gunzenhausen, unter ihnen ein gewisser Saul Benjamin, der als ein angesehener Tora-Gelehrter (Alluf) ausgewiesen ist; sechs weitere Gemeindeglieder, die als “auserlesen” bezeichnet werden, hatten andere bedeutende öffentliche Ämter inne. 1739 versah Abraham Wolf aus Gunzenhausen das Amt des “Landschreibers”.

Zu den Würdenträgern der Gemeinde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehörten der Hoffaktor Lejb Amson und Hirsch Samson, der 1755 “Verwalter der Landjudenschaft” war. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts amtierte Rabbi Jakob ben Samuel Steinhard (1752-1794) als Rabbiner und Richter (Dajjan) für die jüdischen Gemeinden der Gegend, ihm folgte Rabbi Mordechai ben Eliëser (gestorben 1816).

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts war die Gemeinde gewachsen. 1714 wohnten in Gunzenhausen 28 steuerpflichtige jüdische Familien, 1755 belief sich ihre Zahl auf 55. 1732 waren in Gunzenhausen 16 Wohnhäuser in jüdischem Besitz. Das Buch der Beerdigungsbruderschaft (Chewra Kadischa) wurde 1741 angelegt, das Buch des Totengedenkens 1745. Die Bewohner der Stadt sahen den jüdischen Zuwachs ungern, sie versuchten die Zahl der in Gunzenhausen ansässigen Juden zu verringern. Sie beschwerten sich bei der Obrigkeit, der jüdische Handel sei eine Konkurrenz, der sie wirtschaftlich gefährde.

In den Jahren 1740 und 1760 bis 1764 waren unter den Besuchern der Leipziger Messe Juden aus Gunzenhausen.

Im 19. Jahrhundert. 1827 eröffnete die jüdische Gemeinde eine Volksschule für die 36 schulpflichtigen Kinder am Ort. (Ein Schulgebäude wurde 1884 errichtet, 1894 lernten darin 35 Schüler; seit 1898 wurde es von der Stadt mitfinanziert.) Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Rabbiner Abraham Lejb Boeheim (1821-1845) bestand in Gunzenhausen auch eine kleine Jeschiwa (Talmudfachschule).

Rabbi Abraham Lejb Boeheim war der letzte Rabbiner des Distrikts Gunzenhausen, zu dem damals auch die Juden in Altenmuhr, in Weimersheim und in Cronheim gehörten. Nach seinem Tod wurde das Distriktsrabbinat Gunzenhausen aufgehoben, und die Gemeinde schloss sich dem Rabbinatsdistrikt Schwabach an. 1875 wurde der neue jüdische Friedhof in Gunzenhausen eingeweiht; bis dahin hatten die Juden von Gunzenhausen ihre Toten auf dem jüdischen Bezirksfriedhof in Bechhofen beigesetzt. Im Jahre 1883 wurde eine neue Synagoge eingeweiht. Haupteinnahmequelle der Juden in Gunzenhausen war damals der Handel, besonders mit Vieh, Getreide und Textilien. Unter den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde war ein Mediziner (seit 1900).

Im 20. Jahrhundert. 1927 wurde der jüdische Friedhof in Gunzenhausen auch von den Gemeinden Altenmuhr und Heidenheim benützt. Im Januar 1931 trat in Gunzenhausen die Synode der “Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums” zusammen, wo es um die wirtschaftlichen, religiösen und sozialen Belange der jüdischen Landgemeinden in Bayern ging. 1932 wurden Synagoge und Judenbad (Mikwe = Tauchbad für rituelle Zwecke) renoviert.

Noch bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war Gunzenhausen eine der Hochburgen des Antisemitismus in Bayern. 1928 wurden die Synagogenfenster eingeschlagen, und im Dezember 1929 wurde der jüdische Friedhof geschändet - 18 Grabsteine wurde herausgerissen und zerschlagen. Im Februar wurde der jüdische Lehrer am städtischen Gymnasium, Arnold Kurzmann, durch eine seiner Schülerinnen - mit Unterstützung der nationalsozialistischen Zeitung “Der Stürmer” - beschuldigt, die christliche Religion verunglimpft zu haben. Die Sache kam vor Gericht, wo der Lehrer freigesprochen und dem Redakteur des “Stürmers” eine Geldstrafe auferlegt wurde.